Eine Bewohnerin schlägt plötzlich nach Ihrer Hand, obwohl die Morgenpflege sonst ruhig verläuft. Ein Patient läuft seit einer Stunde den Flur auf und ab und wird gereizt, sobald ihn jemand stoppen will. Eine Angehörige sagt am Telefon, ihr Vater sei „auf einmal ganz anders“ und kaum noch erreichbar. Solche Momente gehören zum Pflegealltag mit Demenz. Sie treffen oft ohne Vorwarnung und hinterlassen bei Teams wie bei Familien dieselbe Frage: Was war jetzt der Auslöser?
Genau an dieser Stelle hilft ein Perspektivwechsel. Verhaltensauffälligkeiten bei Demenz sind in vielen Situationen keine „Störung“, die man nur kontrollieren muss. Sie sind häufig ein Signal. Ein Ausdruck von Schmerz, Angst, Überforderung, Einsamkeit oder Reizstress. Wer dieses Verhalten nur stoppen will, gerät schnell in Gegenspannung. Wer versucht, die Botschaft dahinter zu lesen, handelt meist ruhiger, präziser und würdevoller.
Dieser Leitfaden folgt genau diesem Ansatz. Nicht problemorientiert, sondern bedürfnisorientiert. Nicht zuerst medikamentös, sondern zuerst beobachtend, prüfend und personenzentriert. So entsteht im Alltag mehr Sicherheit, sowohl für den betroffenen Menschen als auch für die, die begleiten, pflegen und entscheiden.
Inhaltsverzeichnis
- Einführung Der Mensch hinter dem Verhalten
- Was sind Verhaltensauffälligkeiten bei Demenz?
- Die Ursachen hinter dem Verhalten verstehen
- Professionelle Erfassung und Beurteilung im Team
- Nicht-pharmakologische Strategien im Pflegealltag
- Medikamentöse Optionen und Deeskalationsmanagement
- Fazit Pflege als Beziehungsarbeit und wo Sie Hilfe finden
Einführung Der Mensch hinter dem Verhalten
Sie stehen am Bett, reichen den Waschlappen, sagen ruhig den nächsten Schritt an. Dann kippt die Situation. Die Bewohnerin zieht den Arm weg, fixiert Sie mit angespanntem Blick und ruft laut, Sie sollen sie in Ruhe lassen. Für Aussenstehende sieht das wie Aggression aus. Für erfahrene Pflegekräfte ist es oft etwas anderes. Ein Moment massiver Unsicherheit.
Im Alltag werden solche Szenen schnell als „schwierig“ etikettiert. Das ist verständlich, aber oft unpräzise. Denn der Mensch vor Ihnen handelt nicht gegen Sie. Er reagiert auf etwas, das für ihn in diesem Augenblick bedrohlich, schmerzhaft oder unverständlich ist. Genau deshalb beginnt gute Pflege nicht bei der Korrektur des Verhaltens, sondern bei der Frage nach dem Erleben.
Dass dieses Thema so zentral ist, zeigt auch die Versorgungslage. In Deutschland leben derzeit rund 1,84 Millionen Menschen mit Demenz. In der stationären Altenpflege zeigen etwa 60 % mindestens eine Verhaltensauffälligkeit, die Prävalenz nicht-kognitiver Symptome steigt auf 76 %. Der Umgang damit ist also kein Randthema, sondern tägliche Kernaufgabe in der Pflege, wie die Zusammenstellung auf Marcus Knispel zu Demenzstatistiken verdeutlicht.
Wer Verhalten nur eindämmen will, verpasst oft die eigentliche Ursache. Wer Verhalten als Mitteilung liest, findet häufiger tragfähige Lösungen.
In der Praxis bedeutet das auch, die eigene Haltung zu prüfen. Nähe kann beruhigen. Zu viel Nähe kann aber auch als Übergriff erlebt werden, besonders in intimen Pflegesituationen. Ein sensibles Gespür für Nähe und Distanz in der Pflege ist deshalb kein weiches Thema, sondern ein konkreter Schutzfaktor gegen Eskalation.
BPSD als Notsignal verstehen
Der Fachbegriff BPSD steht für verhaltensbezogene und psychologische Symptome bei Demenz. Gemeint sind nicht nur auffällige Verhaltensweisen wie Rufen, Umhergehen oder Abwehr in der Pflege, sondern auch innere Zustände wie Angst, Misstrauen, depressive Stimmung oder Halluzinationen. Im Alltag treten diese Phänomene selten sauber getrennt auf. Häufig überlagern sie sich.

Was sind Verhaltensauffälligkeiten bei Demenz?
Verhaltensauffälligkeiten bei Demenz sind kein einzelnes Symptom. Sie sind ein Sammelbegriff für Reaktionen, die für das Umfeld belastend, ungewohnt oder schwer einzuordnen sind. Dazu gehören Unruhe, Aggression, Rückzug, Apathie, Schlafprobleme, Angst, Wahnvorstellungen oder sozial enthemmtes Verhalten. Klinisch spricht man oft von BPSD.
Hilfreicher als eine lange Liste ist ein einfaches Raster. Denken Sie an ein Notsignal mit verschiedenen Ausdrucksformen. Manche Menschen senden es laut. Andere leise. Manche durch Bewegung, andere durch Erstarren.
BPSD als Notsignal verstehen
Eine erste Gruppe umfasst äussere Verhaltenssymptome. Dazu zählen etwa Agitation, Umherwandern, wiederholtes Fragen, verbale Ausbrüche, körperliche Abwehr oder nächtliche Unruhe. Diese Symptome fallen schnell auf, weil sie Abläufe stören und Teams unmittelbar fordern.
Eine zweite Gruppe umfasst innere psychische Symptome, die oft später erkannt werden. Dazu gehören Angst, depressive Verstimmung, Apathie, Misstrauen, Wahn oder Halluzinationen. Diese Zustände wirken manchmal „still“, sind aber nicht weniger belastend. Gerade Rückzug wird leicht unterschätzt, obwohl er ein deutliches Zeichen von Überforderung sein kann.
Für die Praxis ist wichtig: Das Verhalten ist meist nicht sinnlos. Es ist oft die einzig verfügbare Reaktion auf etwas, das der Mensch nicht mehr sprachlich ordnen oder mitteilen kann.
| Kategorie | Typische Erscheinung im Alltag | Wichtige Deutung |
|---|---|---|
| Aktiviert | Rufen, Laufen, Abwehr, Anspannung | Oft Zeichen von Stress, Angst oder körperlichem Unbehagen |
| Gehemmt | Rückzug, Apathie, Interesselosigkeit | Häufig Überforderung, depressive Symptomatik oder Erschöpfung |
| Psychotisch geprägt | Misstrauen, Verkennen, Halluzinationen | Erleben ist für die Person real und braucht Schutz, nicht Konfrontation |
| Enthemmt | Grenzverletzendes, taktloses oder impulsives Verhalten | Kann Ausdruck einer anderen Demenzform oder frontaler Störung sein |
Nicht jede Demenz zeigt dasselbe Muster
Nicht alle Demenzformen verhalten sich klinisch gleich. Gerade das ist in der Versorgung entscheidend. Bei der frontotemporalen Demenz stehen Verhaltensänderungen häufig im Vordergrund. Laut Springer Medizin zu delinquentem Verhalten bei frontotemporalen Demenzen zeigen 74,8 % der Betroffenen sozial inadäquates Verhalten, verglichen mit 5–12 % bei Alzheimer-Patienten.
Das hat Folgen für die Einschätzung. Wenn ein Mensch schon früh auffällig enthemmt, taktlos, impulsiv oder sozial unpassend wirkt, sollte das Team nicht vorschnell nur an „schwierigen Charakter“ denken. Manchmal ist genau dieses Verhalten ein klinischer Hinweis auf die zugrunde liegende Demenzform.
Ein Verhalten lässt sich erst dann sinnvoll begleiten, wenn das Team weiss, ob es Angst, Schmerz, Reizüberflutung, psychotisches Erleben oder eine demenztypische Veränderung der Persönlichkeit ausdrückt.
Die Ursachen hinter dem Verhalten verstehen
Die wichtigste Frage lautet nicht: Was stimmt mit diesem Menschen nicht? Die wichtigere Frage lautet: Was versucht dieser Mensch gerade mitzuteilen? Das verändert den Blick sofort. Aus Konfrontation wird Analyse. Aus Ärger wird klinische Neugier.
In der Praxis bewährt sich ein einfaches Modell mit drei Ebenen. Körperlich, emotional, umgebungsbezogen. Die Reihenfolge ist nicht zufällig. Wer körperliche Ursachen übersieht, arbeitet oft an der falschen Stelle.
Drei Ebenen der Ursachenanalyse
Körperliche Ebene. Schmerzen, Durst, Hunger, Verstopfung, Harndrang, Infekte, Müdigkeit oder Nebenwirkungen von Medikamenten können Verhalten stark verändern. Viele Betroffene können diese Zustände nicht mehr klar benennen. Statt „Ich habe Schmerzen“ sehen Sie dann Abwehr bei Berührung, Grimassieren, Rufen oder plötzliches Schlagen.
Emotionale Ebene. Angst ist ein häufiger Motor. Auch Scham, Einsamkeit, Frustration und Langeweile spielen eine grosse Rolle. Ein Mensch, der nicht mehr versteht, warum jemand ihn ausziehen, waschen oder umlagern will, erlebt Pflege leicht als Kontrollverlust.
Umgebungsebene. Zu viel Lärm, wechselnde Bezugspersonen, Zeitdruck, unklare Aufforderungen, grelles Licht oder eine hektische Gruppensituation können Auslöser sein. Ebenso problematisch ist Unterforderung. Manche Menschen werden unruhig, weil sie keinen sinnvollen Halt im Tag mehr finden.
Eine schnelle Orientierung im Alltag bietet diese Prüffolge:
- Körper zuerst prüfen. Hat sich etwas an Mimik, Haltung, Schlaf, Essen, Ausscheidung oder Mobilität verändert?
- Gefühlslage einschätzen. Wirkt die Person ängstlich, beschämt, überfordert oder einsam?
- Umfeld prüfen. Ist es zu laut, zu voll, zu schnell oder zu fremd?
- Eigene Interaktion reflektieren. War die Ansprache zu komplex, zu nah oder zu abrupt?
Schmerz zuerst prüfen
Ein Punkt wird in der Praxis noch immer zu oft übersehen. Schmerz. Laut Pflege.de zum Umgang mit Aggressionen bei Demenz leiden bis zu 70 % der Menschen mit Demenz an chronischen Schmerzen, die sie nicht verbalisieren können. Aggressives Verhalten ist dann häufig kein primäres Krankheitssymptom, sondern ein Kommunikationsversuch. Die Priorisierung der Schmerzdiagnostik, etwa mit der PAINAD-Skala, gehört deshalb zu den wirksamsten Erstinterventionen.
Das ist ein echter Wendepunkt in der Versorgung. Wenn jemand bei jeder Körperpflege aggressiv reagiert, liegt die Versuchung nahe, das als „Pflegeabwehr“ zu etikettieren. Oft steckt aber ein schmerzhaftes Schultergelenk, ein Druckschmerz, eine Arthrose oder eine ungünstige Lagerung dahinter. Wer das erkennt, spart Eskalation, Leid und unnötige Psychopharmaka.
Bei unklarer Aggression hilft auch ein zweiter Blick auf typische Muster von Aggressivität im Alter. Nicht, um Verhalten zu pathologisieren, sondern um Unterschiede zwischen situativer Überforderung, neurodegenerativer Veränderung und körperlichem Auslöser sauberer zu erkennen.
Prüfen Sie zuerst, was weh tun, überfordern oder verunsichern könnte. Erst danach stellt sich die Frage, wie das Verhalten begrenzt werden muss.
Professionelle Erfassung und Beurteilung im Team
Einzelbeobachtungen reichen selten aus. Bei Verhaltensauffälligkeiten entsteht schnell ein Flickenteppich aus Eindrücken. „Bei mir war er ganz ruhig.“ „Bei mir war er massiv aggressiv.“ Beides kann stimmen. Entscheidend ist, dass das Team aus Einzelwahrnehmungen ein gemeinsames Bild entwickelt.
Vom Bauchgefühl zur gemeinsamen Sprache
Strukturierte Erfassung bedeutet nicht Bürokratie um der Bürokratie willen. Sie verhindert voreilige Zuschreibungen. Statt „schwierig“ oder „manipulativ“ braucht das Team beschreibbare Daten aus dem Alltag. Was geschah davor? Wie genau sah das Verhalten aus? Wie lange dauerte es? Was passierte danach?

Für Fallbesprechungen haben sich wenige, klare Fragen bewährt:
- Vor dem Verhalten Was war die Situation, wer war anwesend, welche Aufforderung wurde gegeben?
- Während des Verhaltens Was war sichtbar und hörbar, ohne Interpretation?
- Nach dem Verhalten Was beruhigte, was verstärkte, was führte zur Wiederholung?
PAINAD und ABC praktisch nutzen
Die ABC-Analyse ist im Pflegealltag besonders nützlich. A steht für Auslöser, B für Verhalten, C für Konsequenz. Ein Beispiel: Vor dem Waschen wird die Bewohnerin ohne Ankündigung an der Schulter berührt. Sie schreit, schlägt und zieht sich zurück. Daraufhin sprechen drei Personen gleichzeitig auf sie ein. Schon aus dieser kurzen Kette wird klar, dass nicht nur das Verhalten, sondern auch die Reaktion des Umfelds relevant ist.
Die PAINAD-Skala hilft dort, wo Sprache nicht mehr trägt. Beobachtet werden unter anderem Atmung, Lautäusserungen, Gesichtsausdruck, Körpersprache und Tröstbarkeit. Sie ersetzt keine ärztliche Diagnose. Aber sie schafft eine belastbare Grundlage, damit Schmerz nicht übersehen wird.
Ein Team gewinnt dadurch etwas sehr Wertvolles: eine gemeinsame Sprache. Genau dafür ist gute Kommunikation im Team entscheidend. Nicht mit pauschalen Bewertungen, sondern mit präzisen Beobachtungen, die zu handlungsfähigen Absprachen führen.
| Werkzeug | Wofür es taugt | Typischer Vorteil |
|---|---|---|
| ABC-Protokoll | Auslöser und Verstärker erkennen | Verhalten wird konkreter und weniger moralisch bewertet |
| PAINAD | Schmerzen bei fortgeschrittener Demenz einschätzen | Körperliche Ursachen werden früher erfasst |
| Biografieblatt | Gewohnheiten, Vorlieben, Trigger verstehen | Personenzentrierte Reaktionen werden einfacher |
| Team-Fallbesprechung | Unterschiedliche Beobachtungen zusammenführen | Inkonsistente Reaktionen im Team nehmen ab |
Nicht-pharmakologische Strategien im Pflegealltag
Wenn die Ursachen klarer werden, verändert sich auch die Intervention. Nicht-pharmakologische Strategien wirken deshalb so gut, weil sie nicht gegen den Menschen arbeiten, sondern mit seinem Erleben. Laut den Rahmenempfehlungen des Bundesgesundheitsministeriums zum Umgang mit herausforderndem Verhalten gehören personenzentrierte Maßnahmen wie kognitive Stimulation, Verhaltensmanagement, sensorische Integration und Musiktherapie zu den am besten abgesicherten und wirksamsten Interventionen bei BPSD. Die Inzidenz von Agitation liegt dort bei 44 %, was den praktischen Bedarf an diesen Strategien unterstreicht.
Was im Alltag oft besser wirkt als Druck
Ein häufiger Fehler ist gut gemeint. Teams versuchen, mit mehr Erklären, mehr Tempo oder mehr Nachdruck Ordnung in die Situation zu bringen. Bei Demenz führt das oft zum Gegenteil. Wer überfordert ist, kann zusätzliche Sprache nicht mehr nutzen. Wer Angst hat, erlebt Druck als Bedrohung.
Direkt am Anfang einer Intervention hilft oft ein Blick auf konkrete Alltagshilfen:

Ein kurzer fachlicher Input zur Praxis kann die Umsetzung zusätzlich erleichtern:
Eine praxistaugliche Werkzeugkiste
1. Milieu beruhigen statt den Menschen zu bremsen
Reduzieren Sie Reize, bevor Sie Verhalten korrigieren. Fernseher aus. Türen schliessen. Nicht mehrere Personen gleichzeitig sprechen lassen. Ein reizärmeres Umfeld senkt oft die Spannung schneller als jede verbale Beruhigung.
2. Validieren statt diskutieren
Wenn eine Bewohnerin überzeugt ist, sie müsse „zu den Kindern“, hilft Widerspruch selten. Besser ist ein validierender Einstieg: „Sie sorgen sich um Ihre Familie.“ Damit bestätigen Sie nicht die faktische Aussage, sondern das Gefühl. Erst dann lässt sich umlenken.
Praxisregel: Erst Beziehung herstellen, dann Handlung anbieten.
3. Biografie als Schlüssel nutzen
Menschen reagieren oft besser auf Inhalte, die an frühere Rollen und Gewohnheiten anknüpfen. Wer früher Hausarbeit mochte, faltet vielleicht gern Handtücher. Wer handwerklich geprägt war, sortiert Schrauben, Werkzeugformen oder Karten. Sinnvolle Beschäftigung ist wirksamer als blosses „Beschäftigen“.
4. Tagesstruktur verlässlich halten
Feste Abläufe geben Sicherheit. Gleiche Reihenfolge, ähnliche Uhrzeiten, vertraute Rituale. Das reduziert Überraschung und damit auch Widerstand. Besonders bei Körperpflege, Mahlzeiten und Abendgestaltung wirkt Vorhersehbarkeit stark entlastend.
5. Kommunikation vereinfachen
Kurze Sätze. Eine Information nach der anderen. Blickkontakt auf Augenhöhe. Langsamer sprechen, aber nicht kindlich. Zeigen ist oft wirksamer als erklären. Statt „Wir gehen jetzt erst ins Bad und danach ziehen wir uns an, okay?“ besser: „Kommen Sie. Wir waschen jetzt die Hände.“
6. Sensorische Angebote gezielt einsetzen
Musik, Berührung, vertraute Düfte, Gewichtsdecken, weiche Materialien oder rhythmische Bewegungen können regulierend wirken. Entscheidend ist die Passung zur Person. Was für den einen beruhigend ist, kann für den anderen zu viel sein. Auch Konzepte wie Basale Stimulation bei Demenz helfen, Wahrnehmung und Kontakt differenziert zu gestalten.
7. Bewegungsdrang sicher ermöglichen
Wer ständig läuft, braucht nicht immer Stoppsignale. Oft braucht dieser Mensch einen sicheren Rahmen für Bewegung. Begleitetes Gehen, klare Wege, Sitzpunkte zum Ausruhen und Orientierungshilfen entschärfen mehr als ständige Korrektur.
8. Übergänge weich gestalten
Eskalationen entstehen oft nicht während der Aktivität, sondern beim Wechsel. Vom Sitzen ins Bad. Vom Essen zur Ruhe. Vom Tag in die Nacht. Kündigen Sie Übergänge früh an, geben Sie Zeit und nutzen Sie Wiedererkennbares, etwa denselben Satz, dieselbe Musik oder dieselbe Reihenfolge.
Nicht alles funktioniert bei jeder Person. Genau das ist der Kern personenzentrierter Arbeit. Gute Teams sammeln nicht nur Methoden. Sie lernen, welche Methode bei welchem Menschen in welcher Situation trägt.
Medikamentöse Optionen und Deeskalationsmanagement
Medikamente haben ihren Platz. Aber nicht am Anfang jeder Krise. Wenn Verhalten Ausdruck eines unerkannten Bedürfnisses ist, überdeckt ein sedierender Ansatz oft nur das Signal. Das Verhalten wird vielleicht leiser. Die Ursache bleibt.
Wann Medikamente überhaupt Thema werden
Psychopharmaka kommen erst dann in Betracht, wenn eine sorgfältige Ursachenanalyse erfolgt ist, nicht-pharmakologische Maßnahmen ausgeschöpft wurden und trotzdem eine anhaltende Gefährdung, massive Belastung oder schwere Symptomatik besteht. Diese Entscheidung gehört in ärztliche Verantwortung und braucht eine enge Beobachtung im Team.
Die praktische Abwägung ist anspruchsvoll. Medikamente können kurzfristig entlasten, aber auch Nebenwirkungen, zusätzliche Verwirrung, Sedierung oder Mobilitätsprobleme mit sich bringen. Deshalb ist die entscheidende Frage nicht nur: Wirkt es? Sondern auch: Zu welchem Preis für Wachheit, Beweglichkeit und Lebensqualität?
Akute Eskalation sicher begleiten
In der Akutsituation zählt zuerst Sicherheit. Nicht Diskussion. Nicht Korrektur. Nicht Machtdemonstration.
So gehen Teams in angespannten Momenten meist am sichersten vor:
Abstand schaffen
Treten Sie einen Schritt zurück. Öffnen Sie den Raum. Stellen Sie sich nicht in den Weg und vermeiden Sie Umzingelung.Reizpegel senken
Weniger Personen, weniger Worte, weniger Berührung. Hektik überträgt sich sofort.Kurz und ruhig sprechen
Ein Satz. Eine Botschaft. Freundlicher Tonfall. Keine Warum-Fragen.Gefühl benennen
„Sie sind gerade sehr angespannt.“ Das kann mehr deeskalieren als jede sachliche Erklärung.Alternative anbieten
Sitzen, trinken, gehen, Pause machen, in einen ruhigeren Raum wechseln.Gefährdung abwägen
Wenn eine Situation körperlich unsicher wird, braucht es klare Schutzmaßnahmen. Diese müssen verhältnismäßig, dokumentiert und fachlich begründet sein.
Gerade in solchen Lagen ist Wissen über freiheitsentziehende Maßnahmen in der Pflege wichtig. Nicht als Drohkulisse, sondern um rechtliche und ethische Grenzen sauber einzuhalten. Sicherheit darf nie automatisch zu Restriktion führen.
In der Eskalation beruhigt nicht der inhaltlich beste Satz, sondern die verlässlichste Haltung.
Nach der Krise beginnt die eigentliche Arbeit. Was war der Auslöser? Was hat beruhigt? Was machen wir beim nächsten Mal anders? Ohne diese Nachbereitung wiederholt sich dieselbe Situation oft nur in neuer Form.
Fazit Pflege als Beziehungsarbeit und wo Sie Hilfe finden
Verhaltensauffälligkeiten bei Demenz fordern Fachwissen, Geduld und emotionale Stabilität. Vor allem aber verlangen sie eine Haltung, die den Menschen nicht auf sein Verhalten reduziert. Wer hinter Unruhe, Aggression, Rückzug oder Misstrauen eine Botschaft vermutet, handelt meist präziser und menschlicher.
Was gute Demenzpflege im Kern ausmacht
Pflege in diesem Feld ist Beziehungsarbeit. Nicht im romantischen Sinn, sondern hochprofessionell. Beziehung bedeutet hier: Sicherheit vermitteln, Signale lesen, Belastung regulieren, Würde schützen und im Team konsistent handeln. Es geht nicht darum, jede Krise zu verhindern. Es geht darum, Krisen besser zu verstehen und weniger beschädigend zu begleiten.

Wo Teams und Angehörige Unterstützung finden
Belastung gehört dazu, aber Überforderung darf nicht zur Norm werden. Das betrifft professionelle Teams ebenso wie Familien. Für Angehörige ist der Unterstützungsbedarf besonders sichtbar. Laut Alzheimer Forschung zum Umgang mit herausforderndem Verhalten haben in Deutschland nur 15 % der pflegenden Angehörigen strukturierte Kurse zum Umgang mit herausforderndem Verhalten absolviert. Das geht mit hoher psychischer Überforderung einher und zeigt, wie wichtig Training und professionelle Begleitung sind.
Sinnvolle Anlaufstellen sind in der Praxis vor allem:
- Gedächtnisambulanzen und Fachärzte bei unklaren Verhaltensänderungen oder Verdacht auf spezielle Demenzformen
- Pflegeberatungen und Demenzberatungsstellen für alltagsnahe Unterstützung
- Angehörigenschulungen für Kommunikation, Deeskalation und Selbstschutz
- Interne Fallbesprechungen, Supervision und Fortbildungen für Teams in Einrichtungen
- Selbsthilfegruppen für emotionale Entlastung und Erfahrungsaustausch
Gute Versorgung entsteht dort, wo Fachlichkeit und Menschlichkeit zusammenarbeiten. Nicht perfekt. Aber aufmerksam, strukturiert und lernfähig.
Wenn Sie für Ihre Einrichtung qualifizierte Unterstützung in Medizin, Pflege oder Pädagogik suchen, lohnt sich ein Blick auf Dexter Life Science. Die Unternehmensgruppe verbindet belastbare Personallösungen mit fachlicher Qualität, schneller Verfügbarkeit und einem klaren Verständnis dafür, wie anspruchsvoll Versorgung im Alltag wirklich ist.